Ausgabe 1/2020

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Spätestens seit 2013 Prof. Dr. jur. Hildegund Sünderhauf ihr Buch „Wechselmodell – Psychologie, Recht, Praxis“ veröffentlicht hat, wird auch in Deutschland zunehmend diskutiert, ob das meist praktizierte Residenzmodell in Folge einer Trennung und/oder Scheidung den Bedürfnissen von Eltern und Kindern gerecht wird bzw. überhaupt gerecht werden kann. Die Bewertung von Vor- und Nachteilen des Wechselmodells (Doppelresidenz) hängt auch vom eigenen Standpunkt und der eigenen Motivation ab. Vater, Mutter, Kind, aber auch Fachkräfte und Professionen können hier ganz unterschiedliche Perspektiven  haben. In einigen Fällen kann die Fixierung auf das Residenzmodell sogar zu einer Gefährdung von Kindern führen. Es braucht ein verändertes Bewusstsein, um vorurteilsfrei gute Lösungen zu entwickeln. In seinem Beitrag Vom langen Weg zur kindeswohl­orientierten Gleichberechtigung in der Erziehung zeigt Markus Witt, dass die Doppelresidenz viel häufiger als bisher gelebt eine Win-Win-Win-Lösung für Vater, Mutter und im Besonderen für die Kinder sein kann.

Supervision gehört mittlerweile wie selbstverständlich in die Psychosoziale Beratung. Zu Beginn meiner Beratungstätigkeit vor 40 Jahren war das noch deutlich anders. Heute gehört sie zum „guten Ton“, die meisten Träger institutioneller Beratung verstehen Supervision als besonderes Qualitätsmerkmal, wenn sie diese für Kolleg*innen verpflichtend vorhalten. Insofern haben sich die entsprechenden Fachverbände gut am Markt positioniert. Aber hält das Angebot wirklich das, was es verspricht? Aufgrund der ausführlichen Besprechung von „Supervision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation“ (B. Schigl, et. al., 2020) kommt Ulrike Mathias-Wiedemann zu der Frage und zu der scheinbar lapidaren Aussage Mythos Supervision? Ohne Forschung kein Weiterkommen! In ihrer Zusammenschau der Ergebnislage kommt sie zu dem Schluss: „Die Supervision als solche gibt es nicht, nur heterogene Praxeologien!“ und spitzt noch weiter zu: „Es gibt nur schwache Wirkungsnachweise für Supervision und für Wirkungen von Supervision auf Patient*nnen und Klient*nnen fehlen solide Nachweise überhaupt“.

Der moderne Mensch blickt eher verunsichert in die Zukunft und macht das kapitalistische Konkurrenzprinzip zu seiner Handlungsmaxime und sucht sein „Heil in der gnadenlosen Selbstoptimierung“, „Mein Erfolg ist dein Misserfolg“. Minderheiten werden in einer Art Abwärtsvergleich gehasst, damit man sich selbst besser fühlt und sein Selbstwertgefühl stabilisiert. Das mag mit erklären, warum die Angst vor der Islamisierung in den Regionen besonders hoch ist, wo kaum Muslime wohnen. Dieser fatale Abwärtsvergleich erinnert an das Grundbedürfnis nach Selbstwerterhöhung für die psychische Gesundheit. In einer Zusammenschau von U. Schnabels  „Zuversicht“ (2018) mit K. Grawes „Konsistenztheorie“ (2000, 2004) kommt Uwe Girke zu der Feststellung, dass Zuversicht als Haltung für die Berater*in und für die Klient*in sich gut eignet, um in dieser Gesellschaft mit ihren Konfrontationen durch politische und gesellschaftliche „Entwicklungen“ gut für sich sorgen.

Dr. Rudolf Sanders

 

 

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