Ausgabe 2/2021

Ausgabe 2 -2021

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Der Lockdown im Rahmen der Corona Pandemie wurde notwendig, um unsere Gesundheit vor den Folgen einer lebensbedrohlichen Krankheit zu schützen. Die körperliche Gesundheit stand im Vordergrund. Dabei wird leicht übersehen, dass wir weit mehr sind als nur ein Körper. Wir haben einen Körper, aber wir sind Leib. So ist die Art der Zwischenleiblichkeit als Psychoimmunologie wesentlich für unsere physische Gesundheit. Häusliche Gewalt bedeutet permanent auf der Hut sein zu müssen, um sich vor Angriffen verbaler oder körperlicher Art zu schützen. Der Ort, wo man zu Hause ist, jemanden hat, mit dem man die Sorgen und Nöte, aber auch die Freuden des Lebens teilt, wo man Kindern ein Nest bietet, in dem sie sich entwickeln können, wird zu einem Ort der Anspannung.  Es ist wie das Gehen auf dünnem Eis – man muss dauernd damit rechnen einzubrechen. Und dieser Stress macht krank!

Durch den Lockdown wurde diese Enge zu Hause umso bedrohlicher, weil es kaum Ausweichmöglichkeiten gab. Meist sind Frauen und Kinder im Blick, wenn es um häusliche Gewalt geht. Männer werden stereotyp als Täter identifiziert. Dies trifft sicherlich häufig zu, aber es gibt eine nicht zu unterschätzende Zahl von Männern, die ihrerseits Opfer häuslicher Gewalt durch ihre Frauen werden. Diesem Thema widmet sich Georg Fiedeler in seinem Beitrag Partnerschaftsgewalt gegen Männer.

Wie schaffen es Menschen mit psychosozialen Problemen eigentlich zu den entsprechenden Hilfsangeboten? Am Beispiel einer Studie aus Ostbayern wurden im Rahmen eines studentischen Forschungs-projektes 24 Erwachsene befragt. Dabei wurde festgestellt, dass niederschwellige und kostenlose Angebote kaum bekannt sind und stattdessen Internet-Suchmaschinen die Suche nach Anlaufstellen bestimmen. Daraus lässt sich schließen, dass für die Betroffenen keine transparenten Beurteilungsmöglichkeiten für die gefunden Ergebnisse vorhanden sind. Deshalb plädiert Agnes Nocon in ihrem Aufsatz Hilfesuchverhalten bei psychischen Problemen in Ostbayern aufgrund der Untersuchungsergebnisse dafür, dass neben einer besseren Ausstattung, Angebote zur Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit begleitet werden von Maßnahmen der Gesundheits-kompetenz.

Paare, die in eine Beratung kommen und nach ihrem Ziel gefragt werden, sprechen häufig explizit davon, Kommunikation und Miteinander verbessern zu wollen oder einfach davon, dass sie sich auseinandergelebt haben und nicht weiterwissen. Sie spüren, dass ihr Miteinander ihnen nicht guttut, dass ihre Kinder darunter leiden, aber sie wissen nicht, wie sie dies verändern können. In seinem Aufsatz Emotionsregulierung in nahen Beziehungen und ihre Veränderung durch Erfahrungen der Selbstwirksamkeit in der Arbeit mit Paaren verortet Rudolf Sanders die Ursachen dieses Leids in Quellen traumatischer Kindheitserfahrungen. Indem diese dechiffriert werden und ein Erfahrungsraum für Selbstwirksamkeit hinsichtlich der intimen Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit und Zuwendung angeboten wird, wird einem Paar statt einer Trennung oder Scheidung Lösungen zweiter Ordnung zu generieren ermöglicht. Ein wichtiger Schlüssel dabei ist die Entwicklung des Einzelnen zu sozial-bezogener Autonomie im Angesicht des Anderen.

Christine Kröger & Rudolf Sanders

Ausgabe 1/2021

Ausgabe 1 -2021

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Menschen, die ihren Arbeitsplatz wechseln mussten oder schon lange auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind, werden vom Jobcenter auch durch Weiterbildungsmaßnahmen gefördert. Dabei stellt sich die Frage, ob eigentlich die gleiche Weiterbildung für jedes Alter, also Menschen über 30 oder über 50, geeignet ist, obwohl doch klare Unterschiede bei der Energie, der Lernbereitschaft und -fähigkeit, der Motivation, der Zuverlässigkeit oder auch der Gesundheit zu bestehen scheinen. Und: Macht es eigentlich Sinn, Menschen mit einem unterschiedlichen Bildungs- und Alphabetisierungsniveau denselben Maßnahmen zuzuweisen? Dieser Frage stellen sich Mustafa Ghulam und Philipp Feistauer in ihrem Beitrag Weiterbildung und ihre Alterssensitivität. Sie plädieren für eine Evaluierung der Nachhaltigkeit und Gestaltung solcher Maßnahmen unter Berücksichtigung der Altersgruppe, des Qualifizierungsniveaus, des Berufsinteresses und selbstverständlich der nachvollziehbaren persönlichen Umstände (wie z.B. Kindererziehung, gesundheitliche Einschränkungen usw.) der Teilnehmenden.

In ihrem Beitrag Irgendwie anders – oder doch nicht? Hochbegabung in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung beschäftigt sich Nina Müller-Martin mit Besonderheiten, die sich aufgrund einer intellektuellen Hochbegabung bei erwachsenen Klientinnen und Klienten in der psychosozialen Beratung ergeben. Sowohl bei der Literaturrecherche als auch bei der Einordnung der empirischen Befunde bleiben viele Fragen offen und es zeigt sich, dass noch viel Forschungsbedarf zum Thema erwachsene Hochbegabte besteht. Unter der Annahme, dass eine intellektuelle Hochbegabung dem Leben eine besondere Färbung geben kann, wird ein Beratungsmodell entwickelt, das es Beraterinnen und Beratern ermöglichen soll, den Aspekt Hochbegabung unkompliziert in Beratungen zu berücksichtigen.

Die fachliche und kollegiale Auseinandersetzung über verschiedene Zugänge in der Beratung steckt nach wie vor noch in den Kinderschuhen. Einen Beitrag dazu leistet Peter Rottländer mit seinem Beitrag “Agency” und Ziele in der Paartherapie.  Eine Erwiderung auf die Rezension des Buches “Mentalisieren mit Paaren” in Beratung Aktuell 4/2020. Darüber hinaus formuliert Herbert Effinger eine Resonanz auf das Schwerpunktthema der letzten Ausgabe im Jahr 2020, der Vermittlung von Beratungskompetenzen im Hochschulkontext.

Wir freuen uns über diese beiden Reaktionen als einen Beitrag des gemeinsamen Ringes und der Auseinandersetzung mit Fragen gelingender Beratung.

Ihre

Rudolf Sanders & Christine Kröger

 

Ausgabe 4 /2020

Ausgabe 4 /2020

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in dieser Ausgabe von Beratung Aktuell steht die Vermittlung von Beratungskompetenzen im Hochschulkontext – insbesondere in sozialarbeiterischen Studiengängen – im Mittelpunkt. Das Dilemma ist schnell umrissen (vgl. Paulick & Wesenberg in ihrem Beitrag): Fast alle Sozial-arbeiter*innen stehen unmittelbar nach ihrem Studienabschluss vor der Herausforderung, Menschen in oft komplexen Belastungskonstellationen zu beraten – gleichzeitig umfassen die Curricula, zumindest in den Bachelorstudiengängen, meist nur wenige Semesterwochenstunden zu Beratung. Vor diesem Hintergrund nehmen die ersten beiden Artikel Lehrangebote im Bachelor Soziale Arbeit in den Blick, die auf die Entwicklung von Beratungskompetenzen abzielen. Mit den sich anschließenden Arbeiten weitet sich die Perspektive dann auf Angebote im Master und im Weiterbildungsbereich.

Das professionelle beraterische Handeln wird wesentlich von lebensgeschichtlichen Erfahrungen und persönlichen Haltungen geprägt. Aber wie kann Selbsterfahrung und Selbstreflexivität in der Hochschul-lehre angeregt werden und gelingen? In ihrem Beitrag Blind Date mit sich selbst – Hochschuldidaktische Zugänge zu Selbsterfahrung und Selbstreflexion als zentrale Elemente beraterischer Professionalität stellen Christian Paulick & Sandra Wesenberg – ausgehend von einem Kompetenzmodell beraterischer Professionalität – grundlegende konzeptionelle Annahmen und Elemente eines Moduls zu psychosozialer Beratung vor, dass die beiden als viersemestriges Projektmodul an der Alice Salomon Hochschule Berlin verwirklichen.

Christine Kröger & Michael Vogt präsentieren in ihrem Beitrag „…es kostet unglaublich viel Mut, Beratung in Anspruch zu nehmen“ die Konzeption des Begleitstudiums Beratung an der Hochschule Coburg vor. Dieses Angebot ist deutschlandweit einmalig und will besonders interessierte Studierende der Sozialen Arbeit befähigen, psychosoziale Beratungsprozesse im Sinne eines „modernen“ person und erfahrungsorientierten Zugangs zu gestalten. Das Besondere an dem didaktischen Konzept ist, dass beim Üben von Gesprächen „echte“ Beratungssituationen hergestellt werden, in denen die Studierenden, die als Klient*innen in ein Übungsgespräch gehen, eigene Anliegen einbringen. Die Evaluationsergebnisse der letzten 9 Jahrgänge zeigen nicht nur eine ausgesprochen hohe Zufriedenheit der Studierenden, sondern auch, dass vor allem die Selbsterfahrung, die authentischen Übungsgespräche und das Aufgehobensein in der Studiengruppe als bedeutsame Lernhorizonte eingeordnet werden.

Das Empathievermögen von Berater*innen ist zentral für das Gelingen von beratender Arbeit. Angela Gosch stellt in ihrem Artikel Empathie in der Beratung – Wie Bildungsgrad und sprachliche Ausdrucks-fähigkeit von Klientinnen und Klienten die Empathie Studierender beeinflussen die Ergebnisse einer Studie zum Empathievermögen von Studierenden (N = 422) aus zwei sozialarbeiterischen Studiengängen dar. Dabei interessierte vor allem, ob es für Studierende herausfordernder ist, sich empathisch in die Lebenssituation einer Klientin hineinzuversetzen, die ein niedrigeres Bildungsniveau und eine eingeschränkte sprachliche Ausdrucksfähigkeit mitbringt. Gerade vor dem Hintergrund von Forschungsbefunden, die zeigen, dass sich Klient*innen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status in Beratungsprozessen eher missverstanden fühlen als Klient*innen mit einem höheren Bildungsniveau ist diese Frage spannend. Tatsächlich zeigt sich, dass die Studierenden tendenziell weniger verhaltensbezogene Unterstützungsangebote für die Gruppe mit niedrigem Bildungsstand und eingeschränkter sprachlicher Ausdrucksfähigkeit entwickeln.

Abgerundet wird diese Ausgabe dann von einer Arbeit von Günther Wüsten, die mit Soziale Ressourcen aktivieren aussagekräftig überschrieben ist. Der Aufsatz zeigt nicht nur die herausragende Bedeutung sozialer Ressourcen für die psychische und physische Gesundheit auf, sondern veranschaulicht gleichzeitig, wie soziale Ressourcen und soziale Unterstützung sensibel und gelingend gefördert und erfahrbar gemacht werden können.

Johanna Sieper, Mitbegründerin der Integrativen Therapie, hat ab den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ganz neue Wege in der Arbeit mit Menschen aufgezeigt und ist diese zusammen mit Weggefährten wie Hilarion Petzold, Ilse Ort und Hildegund Heinl gegangen. Sie erhielt für ihre innovative erwachsenenbildnerische Arbeit am 15. Oktober 1998 das „Verdienstkreuz am Bande“ der Bundesrepublik Deutsch-land. Sie ist am 26. September 2020 gestorben. Gerne veröffentlichen wir einen Nachruf von Hilarion Petzold und Ilse Orth, in dem deutlich wird, wie Johanna Sieper durch ihr Tun auch die Beratungslandschaft wesentlich geprägt hat.

Mittlerweile gibt es Kinderbücher, die sowohl von der bildlichen als auch inhaltlich-symbolischen Gestaltung höchstes Niveau aufweisen. Einige können auch erwachsene Leser*innen bereichern und begeistern, wie z.B. das Buch von Anne Hassel & Eva Künzel Der kleine Hamster will nicht hamstern aus dem Carl-Auer-Verlag. Wie viele weitere aktuelle Neuerscheinungen finden Sie auch dieses Buch in den Besprechungen.

Viel Freude bei der Lektüre und vielleicht die eine oder andere Anregung!

Ihre

Christine Kröger und Rudolf Sanders

Ausgabe 3/2020

Ausgabe 3 – 2020

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in dieser Ausgabe wird Beratung aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Der Ausgangspunkt professioneller Beratung ist Diagnostik. Dass die Disziplin der Sozialen Arbeit nicht mehr nur über eine eigene Diagnostik verfügen sollte, sondern tatsächlich verfügen kann, zeigen Margret Fischer, Lea Putz-Erath, Dorothea Kilk & Monika Zimmermann in ihrem Beitrag Wozu soziale Diagnostik? – Begriffsverständnis, Annahmen, Forschungsstand und Praxisbezug auf. Die Autorinnen legen ihrem Verständnis von sozialer Diagnostik ein systemisch-konstruktivistisches Menschenbild zugrunde und gehen von einem dynamischen Diagnostikverständnis aus, das soziale Diagnostik in ein prozesshaftes dialogisches Beratungsgeschehen einbindet.

Mit psychosozialer Arbeit verbindet sich die Herausforderung, die Wirksamkeit bzw. den Erfolg der Arbeit abzubilden, damit Ratsuchende wirklich das bekommen, was sie brauchen und vor allem keine Schädigung erfahren. Entsprechend zugespitzt haben Bühler und Groeger-Roth dies auf dem Präventionstag 2013 formuliert Brauchen wir eine „Rote Liste Prävention“? Was empfiehlt sich nicht in der Prävention?  Ein Weg der Evaluation kann darin bestehen, Routinedaten nutzbar zu machen. Diese Möglichkeit lotet Sebastian Ertl unter Frage Welchen Beitrag kann die Evaluation von Routinedaten für die Evidenzbasierung psycho-sozialer Interventionen leisten? Zum Nutzen von Sekundäranalysen von Daten aus Qualitätssicherungsmaßnah­men in psycho-sozialen Arbeitsfeldern für die Wirksamkeitsforschung Klinischer Sozialarbeit aus. Ein solcher Blick auf das Ergebnis psychosozialer Arbeit ist nicht nur unter ethischen Gesichtspunkten bedeutsam.  Auch im Hinblick auf Finanzierungsstrukturen und wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dürfen Fragen nach der Wirksamkeit nicht länger vermieden oder gar ausklammert werden. . Nicht zuletzt dürfte esauch für Bera­ter*innen und psychosoziale Fachkräfte einen wichtigen Unterschied machen, ob man selber die eigene Arbeit „ganz gut findet“ oder ob dies durch empirische Daten untermauert werden kann.

Dieses Anliegen wird in dem Beitrag von Michael Märtens & Rebecca Pfeiffer Verantwortung in Beratung und Psychotherapie: Ist Beratung leichter als Psychotherapie? wieder aufgegriffen. Denn Beratung wird immer noch viel zu häufig als „kleine Schwester“ der Psychotherapie missverstanden, also als „leichter“ eingeordnet. Anhand einer Fragebogenerhebung finden sich aber keine bedeutsamen Unterschiede in der Wahrnehmung von Belastungen und Herausforderungen bezogen auf Verantwortung. Denn Beratungsarbeitskontexte reduzieren die Verantwortung nicht! Die gravierenden Unterschiede der Einstellungen erklären sich weniger aus der Profession. Sie müssen eher in Persönlichkeitsmerkmalen, dem Arbeitskontext und der professionellen Sozialisation gesucht werden.

Bei den Buchbesprechungen möchte ich Sie insbesondere auf das Thema Proxy – dunkle Seite der Mütterlichkeit, dem sich Ulrich Sachsse als Herausgeber widmet, hinweisen.

Viel Freude bei der Lektüre!

…vielleicht ist der ein oder andere Impuls für Ihre Professionalität zu finden.

Ihr Rudolf Sanders

(Bühler, A. & Groeger-Roth, F. 2013) https://www.praeventionstag.de/nano.cms/vortraege/id/2361

 

Ausgabe 2/2020

Ausgabe 2 -2020

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Thema Hochbegabung ist wenig bekannt und nicht selten auch sagenumwoben. In ihrer qualitativen Studie Hochbegabt! Und jetzt? Beratungsbedarfe von hochbegabten Erwachsenen kommen Janina Enning, Birte Krömer, Susanna Lorse, Simon Kappe und Annette van Randenborgh für die Soziale Arbeit zu erstaunlichen und wegweisenden Ergebnissen. Die Gruppe der spät erkannten Hochbegabten, die überrascht von ihrem Testergebnis war, zeigte die niedrigsten Selbstzufriedenheitswerte. Je früher sich jemand über seine ausgesprochen hohe Intelligenz bewusst ist – auch ohne Testung – desto zufriedener ist er. Bei einer großen Anzahl von ihnen ist explizit Beratungswunsch in den Bereichen Bildung und Beruf vorhanden. Um Beratungswünsche von Hochbegabten nicht zu „pathologisieren“ oder in den Bereich der Privatwirtschaft zu verschieben, ist es ratsam, gerade in der Berufsgruppe der Sozialarbeiter*innen ein Bewusstsein für hochbegabte Menschen zu schaffen. Hochbegabte könnten explizit von der Unterstützung Sozialer Arbeit profitieren, weil Fachkräfte aus diesem Bereich häufig in der Bildungs- und Berufsberatung tätig sind oder mit bildungsfernen Familien arbeiten, in denen eine Hochbegabung leicht übersehen werden kann.

Jugendliche in ihren Herausforderungen der Persönlichkeitsentwicklung in Pubertät und Adoleszenz zu begleiten, bedarf ganz besonderer Zugänge. Hans-Peter Schulz stellt in seinem Artikel Theaterpädagogische Gruppenarbeit: Zwischen kreativer Selbstentdeckung und entwicklungsbezogenen Beratungsanlässen ein niedrigschwelliges Konzept für beratende Gespräche vor. Diese ereignen sich im pädagogischen Handlungsfeld der außerunterrichtlichen Arbeit an der Schule und zeigen sich damit eher en passant. Es werden ein erprobtes theaterpädagogisches Konzept und ein konkretes Theaterprojekt vorgestellt, das sich mit dem Thema „Fridays for Future“ befasst. Die Arbeitsweise des Konzeptes eröffnet den beteiligten Jugendlichen die Chance, Erfahrungen ihrer selbst in der Auseinandersetzung mit Bühnenrollen zu machen.

Christine Kröger widmet sich in ihrem Beitrag der Frage, was gelingende Prozesse der Paar- und Familienberatung auszeichnet, d.h. es werden Wirkfaktoren in der Paar- und Familienberatung beleuchtet. Ausgehend von der kaum zu überschätzenden Bedeutung die Paar- und Familienbeziehungen für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Erwachsenen haben, wird zunächst das Projekt der Beratungsbegleitenden Forschung vorgestellt, das Daten über einen 25-Jahres-Zeitraum zur Wirksamkeit von Paarberatung bereitstellt. Im Anschluss werden Überlegungen zu Wirkmechanismen im Beratungsprozess erörtert – mit dem Ziel das Beratungsangebot in diesem wichtigen Bereich weiter zu verbessern.

Dr. Rudolf Sanders

 

Ausgabe 4/2019

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

angestoßen durch meinen Wunsch und meine Vision, die Beratungsarbeit stärker wissenschaftlich zu fundieren, machte ich 1999 dem Junfermann Verlag in Paderborn den Vorschlag, dafür eine Zeitschrift zu realisieren. Ich bin dankbar, dass die Verantwortlichen in Paderborn dafür offene Ohren hatten und bis heute mit großem Engagement die Herausgabe von Beratung Aktuell unterstützen. Im Jahr 1999 wurde ein „Probelauf“ mit vier Ausgaben im Internet umgesetzt. Aufgrund des großen Interesses von Kolleg*innen entstand dann im Jahr 2000 die erste Printausgabe. Seit 2009 wird Beratung Aktuell durch die immer größer werdende Bedeutung des Internets aus-schließlich als kostenfreie Open-Access Zeitschrift online zur Verfügung gestellt.

In einem guten erfrischenden und mich persönlich bereichernden Miteinander hat Notker Klann seit den ersten Überlegungen meine Idee unterstützt und wurde dann von 2006–2017 offiziell Mitherausgeber. Dankbar bin ich, dass sich dieses konstruktive Miteinander seit 2018 mit Christine Kröger fortsetzt.

Über die Rückmeldung von Frank Nestmann, der in den letzten Jahrzehnten die Beratungswissenschaft und -praxis maßgeblich geprägt und profiliert hat, habe ich mich besonders gefreut. Er schreibt:

„Dazu, dass Beratung Aktuell nun schon 20 Jahre existiert, möchte ich Ihnen – auch in guter Erinnerung an unsere Anfangsüber-legungen zur Etablierung des ersten und einzigen wirklich auf BERATUNG fokussierten Fachjournals in Deutschland – herzlich gratulieren. Das ist einfach toll und Ihr Riesenverdienst, für das Ihnen die Beratungswissenschaft, -praxis und -politik großen Dank schuldet.“

Als Abschluss für dieses Jubiläumsjahr veröffentlichen wir vier richtungsweisende Aufsätze aus der Anfangszeit, die sich in besonderer Weise mit der Identität und dem Profil von Beratung auseinandersetzen. Die ausgewählten Beiträge sind nicht nur aus historischer Perspektive interessant, sondern in ihren Kernaussagen auch heute höchst relevant.

In seinem Aufsatz Die Zukunft der Beratung macht Frank Nestmann darauf aufmerksam, dass Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Beratung eine lange gemeinsame Vergangenheit haben. Für ihre Zukunft sind sie theoretisch und praktisch aufeinander angewiesen. Soziale Impulse, Orientierungen und Modelle stehen im Zentrum einer eigenständigen psychosozialen Beratungsidentität, denn Beratung ist und bleibt grundlegende Methode sozialer und sozialpädagogischer Profession und Praxis.

Diese Sichtweise erweitert Peter Fiedler mit seinem Beitrag Beratung in der Psychotherapie? Ein Beitrag zur Diskussion am Bei-spiel der Behandlung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Erweist darauf hin, dass bei manchen Herausforderungen in der Psychotherapie gerade Beratung, verstanden als Patientenschulung, An-leitung, Supervision oder Coaching ein erfolgversprechender Weg der Behandlung sein kann.

Ausgehend von der Tatsache, dass in der Erziehungsberatung Kinder vorgestellt werden, dann allerdings eine Arbeit unter systemischer Perspektive nur das System behandelt, ergreift Nitza Katz-Bernstein in ihrem Aufsatz Kindzentrierte Therapie oder systemische Therapie. Paradox, Ergänzung oder Substitution? klar und deutlich Partei für das Wohl des Kindes.

Dass wir Berater*innen mit unserer Arbeit Anstöße geben und damit vor allem „einen Stein ins Rollen bringen“, verdeutlicht Dieter Schmelzer mit seinem Beitrag Hilfe zur Selbsthilfe – der Selbstmanagementansatz als Rahmenkonzept für Beratung und Therapie. Beratung will aktivieren, empowern und zur Entwicklung von Kompetenzen und Ressourcen einladen.

Dr. Rudolf Sanders

 

Ausgabe 1/2020

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Spätestens seit 2013 Prof. Dr. jur. Hildegund Sünderhauf ihr Buch „Wechselmodell – Psychologie, Recht, Praxis“ veröffentlicht hat, wird auch in Deutschland zunehmend diskutiert, ob das meist praktizierte Residenzmodell in Folge einer Trennung und/oder Scheidung den Bedürfnissen von Eltern und Kindern gerecht wird bzw. überhaupt gerecht werden kann. Die Bewertung von Vor- und Nachteilen des Wechselmodells (Doppelresidenz) hängt auch vom eigenen Standpunkt und der eigenen Motivation ab. Vater, Mutter, Kind, aber auch Fachkräfte und Professionen können hier ganz unterschiedliche Perspektiven  haben. In einigen Fällen kann die Fixierung auf das Residenzmodell sogar zu einer Gefährdung von Kindern führen. Es braucht ein verändertes Bewusstsein, um vorurteilsfrei gute Lösungen zu entwickeln. In seinem Beitrag Vom langen Weg zur kindeswohl­orientierten Gleichberechtigung in der Erziehung zeigt Markus Witt, dass die Doppelresidenz viel häufiger als bisher gelebt eine Win-Win-Win-Lösung für Vater, Mutter und im Besonderen für die Kinder sein kann.

Supervision gehört mittlerweile wie selbstverständlich in die Psychosoziale Beratung. Zu Beginn meiner Beratungstätigkeit vor 40 Jahren war das noch deutlich anders. Heute gehört sie zum „guten Ton“, die meisten Träger institutioneller Beratung verstehen Supervision als besonderes Qualitätsmerkmal, wenn sie diese für Kolleg*innen verpflichtend vorhalten. Insofern haben sich die entsprechenden Fachverbände gut am Markt positioniert. Aber hält das Angebot wirklich das, was es verspricht? Aufgrund der ausführlichen Besprechung von „Supervision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation“ (B. Schigl, et. al., 2020) kommt Ulrike Mathias-Wiedemann zu der Frage und zu der scheinbar lapidaren Aussage Mythos Supervision? Ohne Forschung kein Weiterkommen! In ihrer Zusammenschau der Ergebnislage kommt sie zu dem Schluss: „Die Supervision als solche gibt es nicht, nur heterogene Praxeologien!“ und spitzt noch weiter zu: „Es gibt nur schwache Wirkungsnachweise für Supervision und für Wirkungen von Supervision auf Patient*nnen und Klient*nnen fehlen solide Nachweise überhaupt“.

Der moderne Mensch blickt eher verunsichert in die Zukunft und macht das kapitalistische Konkurrenzprinzip zu seiner Handlungsmaxime und sucht sein „Heil in der gnadenlosen Selbstoptimierung“, „Mein Erfolg ist dein Misserfolg“. Minderheiten werden in einer Art Abwärtsvergleich gehasst, damit man sich selbst besser fühlt und sein Selbstwertgefühl stabilisiert. Das mag mit erklären, warum die Angst vor der Islamisierung in den Regionen besonders hoch ist, wo kaum Muslime wohnen. Dieser fatale Abwärtsvergleich erinnert an das Grundbedürfnis nach Selbstwerterhöhung für die psychische Gesundheit. In einer Zusammenschau von U. Schnabels  „Zuversicht“ (2018) mit K. Grawes „Konsistenztheorie“ (2000, 2004) kommt Uwe Girke zu der Feststellung, dass Zuversicht als Haltung für die Berater*in und für die Klient*in sich gut eignet, um in dieser Gesellschaft mit ihren Konfrontationen durch politische und gesellschaftliche „Entwicklungen“ gut für sich sorgen.

Dr. Rudolf Sanders

 

 

Ausgabe 3/2019

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Editorial 3-2019

Mit dem ersten Artikel geht Gottfried Wenzelmann der Frage nach, was mit einem „Inneren Kind“ gemeint sein kann, ein Begriff der in der Beratungs- und Therapieszene häufig sehr selbstverständlich genutzt wird. In seinem Beitrag Inneres Kind – wie wir ihm begegnen und Heilung zukommen lassen können erleben wir, wie für ihn Fachliteratur ein Leitfaden werden kann, einen therapeutischen Prozess zu gestalten. Eine wichtige Rolle für den Heilungsprozess spielt für ihn auch die Auseinandersetzung mit religiösen Überzeugungen, Spiritualität und persönlichem Glauben – ein Zugang der in der wissenschaftlichen Literatur zu Beratung und Therapie nach wie vor eine eher untergeordnete Rolle spielt. Er weist darauf hin, wie diese zu förderlichen und heilenden Erfahrungen beitragen können.

Jungen betrachten und erleben die Welt in der Regel bereits geschlechtsdifferenziert, noch bevor sie eingeschult werden Schon in Kindertageseinrichtungen werden Kinder von den pädagogischen Fachkräften entweder als Jungen oder Mädchen gesehen und daraufhin wird unterschiedlich mit ihnen umgegangen. Bezogen auf die Beziehung zu Erwachsenen ist die Grundschulzeit für Jungen die letzte Phase des weiblichen Jahrzehnts, denn sie treffen hier immer noch kaum auf männliche pädagogische Fachkräfte. Dies hat wesentlichen Einfluss auf die männliche Identitätsentwicklung. Wie kann diese gelingend mit Jungen erkundet und reflektiert werden? Denn Männlichkeit ist keine natürliche Gegebenheit, sondern ein relationales Konzept, das sich nur in der Abgrenzung zu anderen Geschlechtlichkeiten zeigen und entwickeln kann. In seinem Beitrag Mit „Man-Map“ arbeiten Männlichkeit(en) strukturiert im Einzelsetting thematisieren stellt Mattias Scheibe eine methodische Möglichkeit vor, den Männlichkeitsentwürfen von Jungen und jungen Männern – getragen von  einer akzeptierend-wertschätzenden pädagogischen Haltung –   kritisch zu begegnen und Geschlechterthemen und alternative Handlungsweisen diskursiv zu erarbeiten.

Auf der Jahrestagung 2019 der DAJEB, der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung, zeigte Stefan Busse mit seinem Vortrag Mit dem Dritten sieht man besser – Triangulierung als beraterische Kompetenz vielleicht für den Einen oder die Andere ganz neue Zugänge in der Beratung auf. Denn Triaden, also Beziehungen zwischen Dreien, prägen unser Leben von Anfang an. Nicht ohne Grund spielen Kinder gerne Vater, Mutter, Kind. Durch dieses Spiel verarbeiten und mentalisieren sie ihre Triangulierungserfahrungen, nämlich die Öffnung der Dyade zwischen Mutter und Kind zum Vater hin. Die Triade begleitet uns durch das ganze Leben in allen Organisationen wie Kindergarten, Schule, Arbeitswelt etc.  Soziale Schieflagen und Konflikte, die Anlässe für die Inanspruchnahme von Beratung bilden, entspringen primär aus Störungen in lebensweltlichen Triaden. Zusammenfassend wies der Referent darauf hin, dass Beratungsbedarf immer dann entsteht, wenn Lebensverhältnisse schlecht trianguliert sind.

Zum Schluss finden sie wieder aktuelle Buchbesprechungen die zum einen die Entwicklung in der Therapie- und Beratungslandschaft aufzeigen, zum anderen aber auch ganz konkrete Hilfestellung für die alltägliche Arbeit mit Ratsuchenden Menschen bieten.

Dr. Rudolf Sanders

 

Ausgabe 2/2019

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Editorial 2 -2019

Als Maßnahme zur Qualitätssicherung haben die Träger der katholischen Paarberatung in Deutschland (Katholische Bundeskonferenz für Ehe-, Familien- und Lebensberatung, KBK-EFL; Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft  für Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Telefonseelsorge und Offene Tür e.V., Kath. BAG e.V.) seit Beginn der 1990er Jahre in einer Reihe von Studien die Wirksamkeit ihres Beratungsangebotes untersucht (BF I: Untersuchungszeitraum 1990-1993; BF II: Untersuchungszeitraum 1999-2001). Christian Roesler, verantwortlich für BF III (Untersuchtungszeitraum 2012-2015) stellt in seinem Beitrag Die Wirksamkeit von Paarberatung in Deutschland  die zentralen Ergebnisse vor. Bei der aktuellen bundesweiten Studie handelt es sich um die umfangreichste empirische Untersuchung zur Paarberatung in Deutschland. Es ist eine auch im internationalen Vergleich einmalige Datengrundlage generiert worden, die es erlaubt, das Beratungsangebot über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren einzuschätzen. Als wichtiges Ergebnis lässt sich konstatieren, dass Paarbeziehungen nachhaltig verbessert und Trennungen verhindert werden. 40% der Paare profitieren nachhaltig und in einem klinisch bedeutsamen Sinne. Allerdings erleben Paare mit einer anfänglich hohen Belastung kaum eine Verbesserung ihrer Situation und brechen die beraterisch-therapeutische Arbeit oftmals vorzeitig ab.

Unter der Überschrift Paare unterstützen – psychische Störungen verhindern?! loten Christine Kröger und Rudolf Sanders das Potential paarorientierter Interventionen für die Prävention psychischer Erkrankungen bei Erwachsenen und Kindern aus.  In Anlehnung an die konsistenztheoretischen Überlegungen von Grawe wird die herausragende Bedeutung von Paarbeziehungen für die psychische Gesundheit – – in erster Linie auf deren Rolle bei der Befriedigung psychosozialer Grundbedürfnisse zurückgeführt. Dabei werden auch Zusammenhänge zwischen der Partnerschaftsqualität der Eltern und der Entwicklung von Kindern in den Blick genommen und z.B. die Auswirkungen von destruktiven Partnerschaftskonflikten auf Kinder beleuchtet. Vor diesem Hintergrund werden dann die wichtigsten paarbezogenen Präventions- und Interventionsansätze vorgestellt. Insgesamt wird deutlich, dass die Gesundheitspolitik eine wichtige Chance vergibt, wenn paarorientierte Interventionen zukünftig nicht stärker für die Prävention psychischer Störungen bei Erwachsenen und Kindern genutzt werden.

Immer wieder wird diskutiert, ob im Rahmen einer Paarberatung nicht zunächst mit jedem Einzelnen therapeutisch gearbeitet werden müsse, um konstruktive Veränderungen zu ermöglichen.  Eine klare Antwort darauf geben Michael Märtens, Hannspeter Schmidt und Marc Lucas in ihrer Arbeit Einzelberatung und Paarberatung: Unter welchen Umständen ist bei Problemen in der Partnerschaft eine Einzelberatung noch zu vertreten? Befunde einer Effektivitätsstudie der EFL-Beratung im Erzbistum Köln. Diese Studie wurde bereits 2006 als Druckausgabe veröffentlicht. Da die Arbeit die beiden vorangegangenen Beiträge in besonderer Weise ergänzt, soll sie hier auch online zugänglich gemacht werden. Es handelt sich um Teilergebnisse einer prospektiven Evaluationsstudie zur Effektivität der Ehe- und Paarberatung im Erzbistum Köln. Ein bemerkenswerter (wenngleich wenig überraschender…) Befund ist, dass sich Beziehungsprobleme im Paarsetting wesentlich deutlicher verbesserten. Gleichzeitig scheint sich die sexuelle Zufriedenheit im Einzelberatungssetting zu verschlechtern, wenn Beziehungsprobleme hier das zentrale Thema sind.

Dr. Rudolf Sanders

 

 

 

 

Ausgabe 1/2019

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Editorial 1 – 2019

Diese Ausgabe knüpft inhaltlich an das Herbstheft 2018 (3/2018) an, das den „Auftakt“ für eine Auseinandersetzung mit den Grundlagen und Besonderheiten psychosozialer und sozialtherapeutischer Beratungsprozesse in der Klinischen Sozialarbeit bildete. Im vorliegenden Heft rückt vor allem die konkrete Ausgestaltung von Beratungsprozessen mit bestimmten Zielgruppen und in spezifischen Arbeitsfeldern in den Mittelpunkt des Interesses.

Christopher Romanowski gibt in seinem Beitrag Kinder, Jugendliche und deren Familien in Multiproblemlagen: Skizzierung einiger Herausforderungen für die sozialtherapeutische Beratung in der Jugendhilfe einen spannenden und facettenreichen Einblick in die konkrete Fallarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe. Es wird deutlich, dass der Komplexität der Problemlagen, die allzu oft prekäre Lebensbedingungen, gravierende familiale Konflikte und psychische Störungen umfassen, nur mit einem polyfokalen sozialtherapeutischen Beratungsansatz angemessen begegnet werden kann. Entsprechende Aufgaben bestehen unter anderem darin, überhaupt einen angemessenen Zugang und Kontakt zu ermöglichen, der Heranwachsende und ihre Familie „erreichbar“ macht, den Überblick angesichts hochkomplexer Belastungsdynamiken zu behalten und die notwendige Vernetzung und Kooperation, z.B. mit Schule und/oder Jugendpsychiatrie/-psychotherapie zu gestalten. Durch die Einblicke in den Fallverlauf entsteht ein anschauliches Bild, wie diese anspruchsvollen Beratungsaufgaben gelingen können, ohne sich als Fachkraft in der Unübersichtlichkeit der Hilfebedarfe oder in falsch verstandenen Ansprüchen an „Problemfreiheit“ zu verlieren.

„Echt ätzend, dass ich hierherkommen muss…“ – Beratung mit (noch) nicht-kooperativen Jugendlichen wird von Christian Paulick und Sandra Wesenberg auf sensible und ressourcenorientierte Weise beleuchtet. Gerade hochbelastete Jugendliche und/oder Jugendliche, die den Zugang zu Beratung als „erzwungen“ erleben, haben oftmals ungute Erfahrungen in der Begegnung mit Erwachsenen gemacht. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass Jugendliche Angst, Misstrauen, Resignation und mitunter offene Reaktanz in die Beratung hineintragen. Besonders entscheidend ist dann der Beginn des Beratungsprozesses: Wenn Jugendliche Vertraulichkeit und Vertrauen erfahren, wenn sie echtes Interesse an ihnen und ihren Schwierigkeiten spüren, wenn ihre Unfreiwilligkeit gewürdigt und Autonomieerleben ermöglicht wird, kann gleichwohl eine tragende Beratungsbeziehung entstehen. Damit dies gelingen kann, sind Berater*innen in besonderer Weise gefordert, sich mit Fragen nach Freiwilligkeit versus Zwang, Macht und Widerstand, Schweigepflicht und Auftragsklärung achtsam auseinander zu setzen.

Rita Hansjürgens setzt sich schließlich mit Suchtberatung als komplexe Hilfe Klinischer Sozialarbeit auseinander. Sie plädiert dafür zwischen der Funktion und der Organisation Suchtberatung zu differenzieren. In ihrem Beitrag werden die vielfältigen Aufgaben und Funktionen ausgelotet, die sich mit Suchtberatung verbinden. Hierzu gehören sowohl diagnostische Vorgehensweisen (z.B. im Sinne eines multiperspektivischen Fallverstehens) als auch beratende, begleitende und vermittelnde Tätigkeiten.

Prof. Dr. Christine Kröger