Call for Papers 1/2027
Call for Papers: Themenheft:
Sexueller Konsens
Sexuelle Skripte beeinflussen maßgeblich die Vorstellungen darüber, was sexuell möglich, erwartbar und wünschenswert ist. Sexuelle Skripte sind auch dynamisch, verändern sich im kulturellen Kontext und stehen damit heute auch in enger Verknüpfung mit medialen Einflüssen. Dabei scheinen Medieninhalte, Porno und Online-Dating-Kultur eine maßgebliche Rolle zu spielen. In den letzten Jahren lässt sich beobachten, dass sich roughe sexuelle Praktiken – u.a. Würgen, Festhalten, Schlagen, hart Zustoßen, Anspucken – verbreiten und zur alltäglichen sexuellen Praktik vieler Menschen geworden sind; über 50% haben roughen Sex in den letzten Jahren ausprobiert oder praktizieren ihn regelmäßig.
Empirisch zeigt sich, dass Rough Sex zu gelingen scheint, wenn die Beteiligten Autonomie erleben, wenig vulnerabel und gleichzeitig informiert sind und »pleasure« – also Lust – erleben. Auf der anderen Seite verweisen Studien auch auf neue Formen von Gewalt und Grenzüberschreitungen und damit auf Risiken sowie, in einzelnen Fällen, auf fatale körperliche Folgen, insbesondere beim Choking, sowie auf verbreitete Herausforderungen im Kontext von Konsens. Ganze 67% aller Frauen, die in der passiven Rolle Rough Sex erleben, geben beispielsweise an, dass dies nicht in vollem Umfang einvernehmlich war. Explorative Studien zeigen zudem, dass Grenzüberschreitungen aufgrund der Normalisierung harter Praktiken in hoher Frequenz auftreten (»coercive sexual behavior«), nicht immer als solche erkannt werden und häufig unmarkiert bleiben, während Unwohlsein als eigenes Defizit umgedeutet wird (»ich wünschte, ich könnte es mögen, dann wäre alles leichter in meiner Beziehung«). Aktuelle Forschung legt dabei neue Dilemmata und Herausforderungen im Spannungsfeld von Liberalisierung, feministischen Narrativen, medialen Normalisierungen, performativer Sexualität und gelingender praktischer Konsensaushandlung offen (siehe auch: Degen/Bröning et al., i.E.; Döring et al., 2024; Herbenick et al., 2021; Gavey & Brewster, 2026).
Diese Entwicklungen beeinflussen auch die Beratungs- und Therapiepraxis, z.B. wenn sich Klient:innen mit Erlebnissen an die Praxis wenden, deren Einordnung ihnen selbst schwerfällt, und dabei auf Diskurse zurückgreifen, die zudem von eigenen Symbolen, Begriffen und Bedeutungen geprägt sind (zum Beispiel von Choking-Memes und Codes wie »atm« = »ass to mouth«). Das Themenheft wendet sich dieser Lücke zu.
- Willkommen sind Arbeiten zur theoretischen Verortung sexueller Skripte unter medialen Einflüssen, oder auch konkret zu Rough Sex.
- Empirische Untersuchungen können sich u.a. Konsenspraktiken widmen, dem sexuellen Lernen über pornografische und nicht-pornografische Medien, der Verbreitung harter Praktiken und ihrer Aushandlung sowie generationalen Verschiebungen im Umgang mit Sexualität und Konsens.
- Praxisbezogene Beiträge können Fallbesprechungen und Intervention zur Aushandlung von Konsens, roughe Praktiken und sexuelle Skripte aufgreifen.
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Methodologische Beiträge können Perspektiven beitragen, mit denen sich Konsens und seine Aushandlung verstehen lassen, auch über das hinaus, was Beteiligte selbst formulieren und erklären können.
Wir begrüßen ausdrücklich auch eigene Themenvorschläge und Ideen!
Einreichung:
Erbeten werden zunächst Abstracts im Umfang von etwa 300 Wörtern mit Angabe von Fragestellung, theoretischer Verortung, Methode und bei empirischen Arbeiten Datenbasis. Eine Rückmeldung zur Einladung zum Beitrag erfolgt im Anschluss.
Abgabefrist Abstracts: August 2026
Rückmeldung an Autor:innen: September 2026
Abgabefrist Vollbeiträge: Januar 2027
Erscheinen: Juni 2027
Einreichung an: redaktion@beratung-aktuell.de
Inhaltliche Rückfragen: degen@apw-akademie.de
Literatur:
Degen, J.L., Büttner, M., Korinth, R., Brandmaier, A. & Bröning, S. (shared first author) (2026, under review). »Soft Words, Hard Acts«? Die Bedeutung von Einvernehmlichkeit, Geschlechtsrollen und medial beeinflussten sexuellen Skripten für das Erleben von Rough Sex. Zeitschrift für Sexualforschung.
Döring, N., Mohseni, M. R., Pietras, L., Dekker, A., & Briken, P. (2024). Research in brief: How prevalent is rough sex? Results from a national online sample of adults in Germany. Perspectives on sexual and reproductive health, 56(2), 90–97.
Herbenick, D., Fu, T. C., Valdivia, D. S., Patterson, C., Gonzalez, Y. R., Guerra-Reyes, L., ... & Rosenberg, M. (2021). What is rough sex, who does it, and who likes it? Findings from a probability sample of US undergraduate students. Archives of Sexual Behavior, 50(3), 1183–1195.
Gavey, N., & Brewster, O. (2026). Is »rough sex« a thing? A survey of meaning. The Journal of sex research, 63(3), 311–327.
