Editorial

Beratung aktuell, 27(1), 2026, 5–10

https://doi.org/10.30820/1437-3181-2026-1-5

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Liebe Leserschaft der Beratung aktuell,

das Psychotherapeutengesetz fasst psychologische Tätigkeiten, außerhalb der Heilkunde, nicht als Psychotherapie, und so sind Begriffe wie Paar- und Sexualtherapie und -beratung gesetzlich ungeschützt und rechtlich an keine definierte Ausbildung gebunden.

Aus diesem rechtlichen Kontext folgt eine Versorgungslage, in der Paar- und Sexualtherapie außerhalb des Regelkatalogs der Krankenkassen stehen. Die aktuellen Bestrebungen, das Gesundheitssystem im psychotherapeutischen Bereich zu kürzen, machen es zudem eher unwahrscheinlich, dass Paarbeziehung und Sexualität unter ganzheitlicher Perspektive von Psyche und Gesundheit in absehbarer Zukunft stärker in den Fokus der gesundheitlichen Regelversorgung rücken.

Bezeichnend ist auch, in welchem Kontext Sexualität und Beziehung im Gesundheitswesen Relevanz zugesprochen wird, nämlich zumeist dort, wo es um klinische Dringlichkeit geht, etwa um Trauma, manifeste Störungen und sexuelle Dysfunktionen, während das Potenzial für Resilienz, Schutz, Prävention oder auch eine lustvolle Sexualität und bereichernde Beziehung eher in den Hintergrund geraten (Alhonkoski et al., 2026; Gordon & Kranz, 2024; Ramchandani et al., 2022).

In vielen grundlegenden (psycho-)therapeutischen und beraterischen Aus- und Weiterbildungen werden intime Beziehungen und Sexualität nur am Rand behandelt und allein das Reden über intime Beziehungen und Sexualität bleibt für viele Fachkräfte befremdlich, ganz zu schweigen von mangelnden Tools für Anamnese und Interventionen (u. a. Dukes, 2025; Gordon & Kranz, 2024). Therapeut:innen sind dann oft darauf angewiesen, sich zusätzlich fortzubilden, um sich im Thema fundiert aufzustellen; damit wird auch die Qualifikation eine Sache individuellen Aufwandes statt curricularer Selbstverständlichkeit und struktureller Versorgung.

Dabei zeigt die Forschung, dass Paar- und Sexualtherapie, als ganzheitliche medizinische Versorgung, zielführend unterstützend wirken und Kosten reduzieren können; sowohl im Bereich körperlicher als auch psychischer Erkrankungen (inkl. Traumafolge) (u. a. Crane, 2016; Lafrenaye-Dugas et al., 2020; Tao et al., 2025). So zeigt sich gesundheitsbezogene Relevanz von Paar- und Sexualtherapie unter anderem für marginalisierte und vulnerable Gruppen und bei Suchterkrankungen, wobei die Relevanz in Deutschland oftmals auch im Kontext institutionalisierter Eheberatungen und entlang verschiedener Paradigmen (u. a. systemisch vs. EFT) untersucht wird (u. a. Hatch et al., 2025; Ravindran & Govender, 2020; Goktan & Henry, 2024; Heiden-Rootes et al., 2025; Lee et al., 2020; Schünemann et al., 2018; Klann et al., 2011; Roesler, 2019).

Es zeigt sich dabei, dass die Wirksamkeit zwar vielfach bestätigt ist, Nutzung, Zugang und Implementation aber begrenzt bleiben, und ein eigentlicher Diskurs über Paar- und Sexualtherapie in der Gesundheitsversorgung kaum stattfindet (u. a. Lebow & Snyder, 2022; Wittenborn et al., 2025). Etwa dreißig konkret einschlägige Arbeiten lassen sich überhaupt zusammentragen, deutlich mehr aus dem internationalen als aus dem deutschsprachigen Raum. Zudem wird das Thema oft auf die Kostenfrage und auf Zugangsbarrieren fokussiert (Hubbard & Anderson, 2022; Lafortune et al., 2023; Sever & Vowels, 2024). In den Gesundheitsberichten der Krankenkassen findet das Thema ebenfalls kaum Beachtung und das, obwohl sogar die ökonomische Argumentation an ein über Kosten gesteuertes System anschlussfähig wäre, etwa über den sogenannten Offset-Effekt, der die stärkste Kostenreduktion bei Vielnutzern der Gesundheitsversorgung verzeichnet (Crane, 2016); aber auch ungeachtet von Evidenz ist es eine schlicht logische Folgerung, dass Beziehungen und Sexualität auf Gesundheit und Wohlbefinden wirken.

Die Abspaltung von Paar- und Sexualthemen in der gesundheitlichen Versorgung zeigt sich auch dort, wo institutionalisierte Angebote existieren. Im stationären Bereich bieten vor allem Privatkliniken paar- und sexualtherapeutische Angebote in ganzheitlichen Paradigmen an, Beratungsstellen wie pro familia arbeiten je nach Standort unter unterschiedlichen Bedingungen, oftmals unter Konzepten der Zuzahlung; reguläre Beratung ist oft kostenfrei, Paarberatung muss von den Patient:innen co-finanziert werden. Dies ist bedeutungsvoll, denn wo Paar- und Sexualtherapie über Privatleistungen läuft, erreichen sie eher die besser Situierten, und die Arbeit an Beziehung und Sexualität verschiebt sich in Richtung eines Privilegs, das sich leisten kann, wer ohnehin über Ressourcen verfügt.

Wer eine paartherapeutische Begleitung sucht, navigiert zudem lückenhafte Versorgung und ein Feld aus Selbstzahlangeboten, regional schwankender Trägerschaft und ungeschützten Berufsbezeichnungen, während die Frage, wer Qualität und Wirkweise verantwortet, nicht immer für Endverbraucher:innen transparent geregelt wird (u. a. Eichenberg, 2022; Pilsl & Heitkötter, 2020). Dabei werden Herausforderungen von Qualität und Versorgung beobachtet und auch aus dem eigenen Feld und den darin engagierten und zertifizierenden Fachgesellschaften adressiert.

Vor diesem Hintergrund verhandelt dieses Heft Paar- und Sexualtherapie als Gegenstand des Gesundheitswesens.

Im wissenschaftlichen Beitrag stellen Sonja Bröning und Sophie Johannßen anhand einer Interviewstudie mit Systemischen Paartherapeut:innen Wirksamkeitsbefunde und Wirkfaktorenmodelle von (systemischer) Paartherapie (SPT) vor.

Christian Roesler trägt eine Wirksamkeitsuntersuchung von Paarberatung mit Fokus auf die Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT) bei und wirbt für einen niedrigschwelligen Zugang zu professionellen Hilfsangeboten bei Paarproblemen.

Im kritischen Kommentar adressiert Stefan Hierholzer das mangelnde sexualpädagogische Verweisungswissen von Fachkräften in psychosozialen Berufen und stellt es in den Zusammenhang mit dem erschwerten Zugang zu sexual- und paartherapeutischen Angeboten.

Vera Funke berichtet über ein eigens entwickeltes, kassenfinanziertes Gruppentherapieprogramm für Frauen zur weiblichen Sexualität.

Im Interview gibt Johanna Fischer-Gödde Einblick in ihre medizinische Tätigkeit als Gynäkologin und erläutert die Verknüpfung zu den Feldern Paar- und Sexualberatung.

Johanna L. Degen bietet im Rahmen einer Buchbesprechung Einblicke in die Neuerscheinung »Vielfältige Liebe – Polyamorie gestalten« von Sonja Bröning und Agostino Mazziotta.

Zudem stellt der neu gewählte Vorstand der kürzlich gegründeten Fachgesellschaft für integrative Beziehungs- und Sexualtherapie und -beratung (FiBS) den Verein und seine Positionierung im Feld vor.

Den Autorinnen und Autoren an dieser Stelle herzlichen Dank für ihre Beiträge.

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Die geplanten nächsten Hefte wenden sich in der Reihenfolge folgenden Themen zu: Sexuelle Bildung und Beratung in Kollaboration mit Andreas Gloël und Niklas Albers von der pro familia (2/2026) und aktuelle Entwicklungen im Diskurs um Sexualität (z. B. Normalisierung von Rough Sex) (1/2027), für die Hefte ab 1/27 nehmen wir noch Beiträge an. Jede Ausgabe bietet zudem Platz für einen freien Artikel, der nicht auf den Themenschwerpunkt begrenzt ist. Die Calls und Fristen für Ihre Einsendungen entnehmen Sie bitte der Website: beratung-aktuell.de

Wir freuen uns auf den Diskurs und Ihre Beitragszuschriften!

Ihre Herausgeberinnen Dr. Johanna L. Degen, Dr. Judith Lurweg & Monika Wacker

Literatur

Alhonkoski, S. et al. (2026, i. E.). Physicians’ perspectives on the assessment of referrals for sex therapy – qualitative description with SWOT analysis. BMC Health Services Research. https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-8415620/v1

Bröning, S. & Johannßen, S. (2026). Wie wirkt (systemische) Paartherapie? Beratung aktuell. Fachjournal für Theorie und Praxis 27(1): 11–27. https://doi.org/10.30820/1437 -3181-2026-1-11

Crane, R. D. (2016). Über die Kosteneffektivität der Ehe- und Familientherapie und der Ehe- und Familientherapeuten in Settings der Gesundheitsversorgung. Ein aktualisierter Forschungsüberblick. Familiendynamik 41(1): 16–21.

Degen, J. L. (2026). Sonja Bröning & Agostino Mazziotta. Vielfältige Liebe – Polyamorie gestalten. Beratung aktuell. Fachjournal für Theorie und Praxis 27(1): 85–90. https://doi.org/10.30820/1437-3181-2026-1-85

Die Fachgesellschaft für integrative Beziehungs- und Sexualtherapie und -beratung (FiBS) stellt sich vor (2026). Beratung aktuell. Fachjournal für Theorie und Praxis 27(1): 91–93. https://doi.org/10.30820/1437-3181-2026-1-91

Dukes, C. (2025). Talking about S-E-X in Healthcare Settings: Let’s Get Clinical. Dela J Public Health 11(2): 46–49. https://doi.org/10.32481/djph.2025.07.12

Eichenberg, C. (2022). Online-Paartherapie.Tragfähige therapeutische Beziehung. Deutsches Ärzteblatt PP (5): 230–232. https://api.aerzteblatt.de/pdf/pp/21/5/s230.pdf

Funke, V. (2026). »Mein Körper, meine Wünsche und Ich«. Ein Gruppentherapeutisches Therapieprogramm für Frauen zur weiblichen Sexualität. Beratung aktuell. Fachjournal für Theorie und Praxis 27(1): 55–77. https://doi.org/10.30820/1437-3181 -2026-1-55

Goktan, A. J., & Henry, M. C. (2024). The Social Determinants of Sexual and Reproductive Health in Integrative Sex and Couples Counseling: A Structural Competence Perspective. Journal of Counseling Sexology & Sexual Wellness: Research, Practice, and Education, 5(2): 50–59. https://doi.org/10.34296/05012009

Gordon, E. & Kranz, P. (2024). First Do No Harm. A Critique of the Lack of Health Professional Training on Sexuality. In: Kleinplatz, P. (2024): New Directions in Sex Therapy. New York:

Hatch S. G. et al. (2025). When ELIZA meets therapists: A Turing test for the heart and mind. PLOS Mental Health 2(8): e0000426. https://doi.org/10.1371/journal.pmen.0000426

Heiden-Rootes, K., Asiimwe, R., Rastogi, M. & Miller, R. B. (2025). Pathways for Public Impact: Utilizing Engaged Scholarship for Translating Systemic Family Therapy Research to Policy and Practice. Journal of Marital and Family Therapy 51: 1–11. https://doi.org/10.1111/jmft.70076

Hierholzer, S. (2026). »Unter der Gürtellinie ist tote Hose« – Sexualpädagogisches Verweisungswissen in der Ausbildung psychosozialer Fachkräfte. Beratung aktuell. Fachjournal für Theorie und Praxis 27(1): 45–53. https://doi.org/10.30820/1437 -3181-2026-1-45

Hubbard, A. K., & Anderson, J. R. (2022). Understanding barriers to couples therapy. Journal of Marital and Family Therapy, 48: 1147–1162. https://doi.org/10.1111/jmft.12589

Interview mit Johanna Fischer-Gödde (2026), »Paartherapie in der gesundheitlichen Regelversorgung aus Sicht der Frauengesundheit.« Beratung aktuell. Fachjournal für Theorie und Praxis 27(1): 79–83. https://doi.org/10.30820/1437-3181-2026-1-79

Klann, N., Hahlweg, K., Baucom, D. H. & Kroeger, C. (2011). The Effectiveness of couple therapy in Germany: A Replication Study. Journal of Marital and Family Therapy, 37: 200–208. https://doi.org/10.1111/j.1752-0606.2009.00164.x

Lafortune, D. et. al. (2023), Who seeks sex therapy? Sexual dysfunction prevalence and correlates, and help-seeking among clinical and community samples. PLoS ONE 18(3): e0282618. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0282618

Lafrenaye-Dugas, A.-L., Hébert, M & Godbout, N. (2020). Profiles of medical services use and health status in sex therapy clients: Associations with therapeutic alliance, attachment and trauma. The Canadian Journal of Human Sexuality 29:3, 263–274. https://doi.org/10.3138/cjhs.2019-0045

Lebow J., & Snyder, D. K. (2022). Couple therapy in the 2020s: Current status and emerging developments. Family Process, 00, 1–27. https://doi.org/10.1111/famp.12824

Lee, B. K., Gilbert, R. & Knighton, R. (2020). Couple Therapy in Substance Use and Gambling Disorders: Promoting Health System Change. Contemporary Family Therapy 42: 228–239. https://doi.org/10.1007/s10591-020-09536-8

Pilsl, A. & Heitkötter, M. (2020). Bestandsaufnahme. Online-Paarberatung. Deutsches Jugendinstitut. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2020/2020-Ge samtbericht_online_Paarberatung.pdf

Ramchandani M. S. et. al. (2022). The need for sexual health clinics, their future role, and contribution to public health. Sexual Health 19(4): 346–356. https://doi.org/10.1071/SH22087

Ravindran T. K. S. & Govender V. (2020). Sexual and reproductive health services in universal health coverage: a review of recent evidence from low- and middle-income countries. Sex Reprod Health Matters 28(2):1779632. https://doi.org/10.1080/26410397.2020.1779632

Roesler, C. (2026). Die Wirksamkeit von Paartherapie/Paarberatung in der Praxis – ein Update. Beratung aktuell. Fachjournal für Theorie und Praxis 27(1): 29–44. https://doi.org/10.30820/1437-3181-2026-1-29

Schünemann, O., Lindenmeyer J. & Heinrichs, N. (2018). Predictors of Utilization of an Addiction-Specific Behavioural Couple Therapy in Alcohol Dependence. European Addiction Research 24 (2): 91–97. https://doi.org/10.1159/000489559

Sever, Z., & Vowels, L. M. (2024). Barriers to Seeking Treatment for Sexual Difficulties in Sex Therapy. Journal of Couple & Relationship Therapy, 23(1): 1–20. https://doi.org/10.1080/15332691.2023.2264470

Tao, Y. T., et al. (2025). Couples’ therapies can improve clinical outcomes of patients with post-traumatic stress disorder: meta-analysis of eighteen clinical studies. BMC Psychology 13: 1119. https://doi.org/10.1186/s40359-025-03464-8

Wittenborn, A. K., Mitchell, E. A., Edwards, C., & Blow, A. J. (2025). Facilitators and barriers to the implementation of emotionally focused couple therapy in a large mental health agency: A preimplementation study. Couple and Family Psychology: Research and Practice, 14(3), 165–178. https://doi.org/10.1037/cfp0000261


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